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Gärtner, Heinz

* 01.03.1916 in Hamburg
† 03.09.2001 in Hamburg

Buchdrucker und Fachkaufmann, Hilfskraft in der Auerdruck-Redaktion,
Parteisekretär

- SAJ 1930–1933, Vorstandsmitglied, SPD 1932/33, ab 1946 Kreisvorsitzender der Falken, Geschäftsführer beim SPD-Landesvorstand, Vorsitzender der AvS

- 1 Jahr 6 Monate KZ Fuhlsbüttel, Untersuchungshaft Hamburg, Jugendgefängnis Hahnöfersand 1936/37 wg. Verstoßes gegen das Gesetz gegen die Neubildung von Parteien (Prozess Winkens und Genossen)

- Berufsschaden

 

Leben und Werk

Im Hamburger Stadtteil Winterhude verlebte Heinz Gärtner seine Kindheit. Hier besuchte er die Schule Forsmannstraße, an der er 1932 die Mittlere Reife ablegte. Zusammen mit seinen drei Schwestern erlebte er frühzeitig eine politische Prägung durch das sozialdemokratische Elternhaus. Im sozialdemokratischen Milieu - Winterhude gehörte zu den Hochburgen der Hamburger SPD - wurde Heinz Gärtner 1930 im Alter von 14 Jahren Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ). Nach dem Schulabschluss begann er eine Buchdruckerausbildung und wurde im gleichen Jahr Mitglied der SPD und der Gewerkschaft.

Obwohl noch im jugendlichen Alter erkannte bereits der 15-Jährige die Gefahr, die von den Nationalsozialisten ausging. In einer 1931 in der Schule geschriebenen Jahresarbeit befasste sich Heinz Gärtner ausführlich mit dem Programm der NSDAP. In aller Deutlichkeit warnte er vor den Folgen einer Hitler-Diktatur.

Die frühe Auseinandersetzung mit den politischen Verhältnissen machte aus dem noch jugendlichen Heinz Gärtner einen entschiedenen Verfechter der Weimarer Republik. Bis zur letzten demokratischen Wahl beteiligte er sich an der Parteiarbeit. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten begann der staatliche Terror gegen Andersdenkende auch in Hamburg. Verhaftung, Misshandlung, Folter und Mord standen auf der Tagesordnung. Jede politische Betätigung war lebensgefährlich.

Trotz der ständigen Bedrohung stand für Heinz Gärtner die Fortsetzung des Kampfes gegen den Nationalsozialismus im Untergrund außer Frage. Der Hamburger SAJ-Sekretär Erich Lindstaedt hatte schon vor dem Verbot der Arbeiterjugend Vorkehrungen für die illegale Arbeit getroffen. Er beauftragte Heinz Gärtner, der noch im Januar 1933 in den SAJ-Landesvorstand gewählt worden war, die Verbindung unter den führenden SAJ-Funktionären (Willy Tiedt, Karl Strutz und Ernst Weiß und andere) aufrecht zu erhalten. In den Stadtteilen wurden kleine Gruppen von vier bis sieben Personen gebildet. Sie dienten dem Zusammenhalt. Hier wurden politische Gespräche geführt. Illegale Zeitungen und Broschüren, die aus dem Ausland kamen oder in Hamburg hergestellt worden waren, wurden herumgereicht und weiter verteilt. Das Wander- und Fahrtenleben der Arbeiterjugend wurde, getarnt als unpolitische Aktivität, zunächst noch in einem größeren Kreis fortgeführt.

Der Schwerpunkt der illegalen SAJ-Arbeit lag in Eimsbüttel. Im früheren SAJ-Distrikt Goldbek (Winterhude/Barmbek) bestanden bis Anfang 1936 drei Gruppen. Eine davon hieß "Paul Singer" und stand unter der Leitung von Heinz Gärtner. Die Gruppenbezeichnung wurde als Deckname beibehalten. Heinz Gärtner tarnte die Zusammenkünfte seiner Gruppe als "Schallplattenabende”. Im Auftrag der illegalen SAJ unternahm er mehrere Auslandsfahrten. Die erste Reise führte ihn nach Kopenhagen. Hier berichtete er über die Situation in Hamburg und brachte Informationen aus den dort gesammelten Erkenntnissen nach Deutschland mit. Heinz Gärtner hielt über eine Deckadresse auch Briefkontakt zu Lindstaedt. Als bekannt wurde, dass der Sozialistische Jugendtag 1934 in Lüttich durchgeführt werden sollte, wurde Heinz Gärtner als Hamburger Vertreter entsandt. Auf dem Rückweg versteckte er illegale Schriften im Fahrradschlauch und brachte sie nach Hamburg. 1935 traf Heinz Gärtner noch einmal mit Lindstaedt in der Tschechoslowakei zusammen.

Zu ersten Verhaftungen von Mitgliedern der illegalen SAJ kam es 1935. Am 27. April 1936 wurde auch Heinz Gärtner von der Gestapo abgeführt. Es folgten vier Wochen Einzelhaft mit Verhören und Misshandlungen im Konzentrationslager Fuhlsbüttel. Die herzkranke Mutter war den Belastungen nicht gewachsen. Sie starb im Mai 1936. Heinz Gärtner wurde schließlich wegen der Fortführung der SAJ-Gruppenarbeit zu 18 Monaten Gefängnis verurteilt. Der gesamte Umfang seiner Widerstandsarbeit war glücklicherweise nicht ans Licht gekommen. Seine Strafe verbüßte Heinz Gärtner im Jugendgefängnis Hahnöfersand. Am 28. Oktober 1937 wurde er entlassen.

Die SAJ war zerschlagen. Die Verteilung und Herstellung illegaler Schriften wurden nicht wieder aufgenommen. Heinz Gärtner betätigte sich aber erneut als Verbindungsmann zwischen früheren SAJ-Funktionären. Kontakte zu Gleichgesinnten unterhielt Heinz Gärtner im Sportverein "Helios".

Obwohl 1936 für wehrunwürdig eingestuft, wurde Heinz Gärtner 1943 zur Wehrmacht eingezogen. 1946 kehrte er aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück und beteiligte sich zunächst am Aufbau der sozialdemokratischen Kinder- und Jugendorganisation "Die Falken”. 1950 wurde Heinz Gärtner hauptamtlicher Mitarbeiter der SPD-Landesorganisation, deren Geschäftsführer er bis 1981 war. Von 1986 bis zu seinem Tod 2001 war Heinz Gärtner in Hamburg Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemals verfolgter Sozialdemokraten (AvS). Seit Jahrzehnten stand Heinz Gärtner in Schulen und Gedenkstätten als Zeitzeuge zur Verfügung, um an den Widerstand und die Verfolgung während der NS-Zeit zu erinnern. In Anerkennung seiner ehrenamtlichen Tätigkeit wurde ihm 1995 vom Hamburger Senat die "Medaille für treue Arbeit im Dienste des Volkes in Silber" verliehen. Die Bezirksversammlung Hamburg-Nord zeichnete Heinz Gärtner im Jahr 2001 mit der Ehrennadel als Anerkennung für die geleistete Arbeit gegen das Vergessen des NS-Unrechts aus.

Literatur:
Heinz Gärtners Schülerarbeit wurde 2001 veröffentlicht: Faschismus und Sozialismus. Die Abschlussarbeit des Hamburger Schülers Heinz Gärtner aus dem Jahr 1931. Ein Dokument, Hamburg 2001; Gärtner, Jens, Die Kunst des Selbstrasierens. Ein dokumentarischer Roman. Feldhaus.Verl. 2014; FuD, S. 62; Verfolgung S. 101f; Tätigkeit, S. 67ff

HM